Schule am Osterberg
Die offene Werkstatt

Die offene Werkstatt

Seit Beginn des Schuljahres 2006/07 haben wir eine offene Werkstatt.

Unser Wunsch war es, das, was an anderen Schulen als „Trainingsraum“ konzipiert ist, in anderer Form einzurichten, aber mit dem gleichen Ziel: Schüler- innen und Schüler „aufzufangen“, die zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht am regulären Unterricht teilnehmen können, ohne die Arbeit der anderen zu stören. Diese Schülerinnen oder Schüler gehen mit einem Laufzettel, den die jeweilige Lehrkraft ausgefüllt hat, in die Werkstatt und begeben sich somit unter die Aufsicht von Herrn Habermann, der die Werkstatt leitet und der jeden Vormittag dort ist. Je nach Auftrag (Aufgabe des Unterrichts weiter bearbeiten / über die Unterrichtsstörung und notwendige Verhaltensänderung nachdenken, eine handwerkliche Arbeit erledigen oder einfach nur Stress oder Frust durch manuelle Tätigkeit abbauen) wird nun in der Werkstatt gearbeitet. Diejenigen, die handwerklich tätig werden, reparieren Schulmaterialien oder stellen neue her, produzieren Werkstücke, töpfern Gefäße, erproben mechanische Abläufe mit dem großen Fischertechnik-Vorrat – der gut ausgestattete Werkraum bietet viele Möglichkeiten und Herr Habermann kann alles anleiten. Er tut dies mit viel Geduld, Freundlichkeit, aber auch dem nötigen Nachdruck, denn auf Ordnung legt er Wert in einem Raum, in dem sich täglich Dutzende von Schülerinnen und Schülern aufhalten und viele Ideen umsetzen möchten. Dabei wird viel geredet – schließlich erfährt Herr Habermann mehr über Unterrichtserlebnisse und über Schülerschicksale als manch einer an der Schule. Darüber hinaus dient unsere Offene Werkstatt auch der positiven Verstärkung. Schüler, die besonders gut gearbeitet haben und eine Belohnung verdienen, dürfen hier arbeiten – ein Ansporn für viele, im Unterricht fleißig mitzuarbeiten. „Benehmen sich die Schüler nicht extra schlecht, um vom Unterricht ausgeschlossen und in die Werkstatt geschickt zu werden?“, werden wir immer wieder von Besuchern gefragt. Nein, diese Erfahrungen haben wir nicht gemacht! Unsere Schülerinnen und Schüler haben erkannt, dass es nicht darum geht, sich gegenseitig „auszutricksen“, sondern dass wir für sie eine Möglichkeit des Stressabbaus gefunden haben, die keine Strafe ist. So gehen sie auch meistens problemlos am Ende der Stunde zurück in den Unterricht, nachdem sie ihr angefangenes Werkstück so untergebracht haben, dass sie es irgendwann zur Weiterbearbeitung wieder finden. Projekt „Bauwagen“ Im Rahmen der Offenen Werkstatt wird auch das Projekt „Bauwagen“ durchgeführt: Schülergruppen übernehmen ‚Patenschaften’ für bestimmte Teilab- schnitte zur gründlichen Restaurierung eines ausge- dienten Bauwagens. Er soll später ein „Schülercafé“ werden. Dagmar Dettleff-Rohmann

Unsere Ziele

  • Deeskalation in schwierigen Situationen im Unterricht:
    Der/Die Schüler/in, dessen/deren Fehlverhalten gerade nicht aufgefangen werden kann, geht in die Werkstatt, damit die Lerngruppe ungestört weiterarbeiten kann.
  • Frustrationsabbau bei der Schülerin/dem Schüler, die/der sich in der Werkstatt mit ihrem/seinem Fehlverhalten auseinandersetzt, den Unterrichtsstoff dort weiter bearbeitet oder seine Aggressionen durch körperliche Betätigung (Boxsack, Werken, …) abbaut.
    (Lehrkräfte geben auf Laufzetteln Arbeitsaufträge).
  • Selbstwertstabilisierung durch Erfolgserlebnisse:
    Man sieht und fühlt, was man gemacht hat. Man kann stolz darauf sein!
  • Sozialisation:
    Erkenntnis, dass bei Gruppenprojekten (s.u.) Zusammenarbeit wichtig ist und jeder Einzelne zum Erfolg beiträgt; hier auch gute Zusammenarbeit von Haupt- und Realschüler/innen.
  • Belohnung für unerwartet gute Mitarbeit; hierdurch vermeiden wir ein „Abstempeln“ der offenen Werkstatt als „Strafort“.

 

 

Wie wird in der offenen Werkstatt gearbeitet

Erste Erfahrungen:

  • Lebenspraktisches Lernen: Schüler/innen haben starke Defizite im lebenspraktischen Bereich, hier lernen sie „mit allen Sinnen“ dadurch, dass sie praktisch arbeiten und den Bezug zu theoretischen Inhalten erfahren.
  • Übungen im senso-motorischen Bereich, der bei vielen unterentwickelt ist.

Was machen die Schüler/innen, die praktisch arbeiten?

  • Instandsetzung/Reparieren von Schulmaterial (Billardtisch, Kicker, Tischtennisplatten, …)
  • Langzeitprojekt „Bauwagen“: Aufarbeitung eines Bauwagens mit dem Ziel, ein weiteres Kommunikationszentrum herzustellen.
  • Langzeitprojekt „Baumstämme“: künstlerische Gestaltung von Baumstämmen
    (Motto: Der Weg ist das Ziel!)
  • Praktische Umsetzung von eigenen Entwürfen (getöpferte Vasen usw.)  

Erfahrungsbericht der praktischen Tätigkeit in der „Offenen Werkstatt“


 

 oder: Trainingsraum -  einmal anders

 

Stress:

Wütend betritt der Schüler die Werkstatt, schmeißt seine Sachen in die Ecke.

„Gib mir was zum Kaputtmachen!“

Nachdem wir die Form des höflichen Umgangs geklärt haben - „Guten Tag“ sagen, wenn du den Raum betrittst, Augenkontakt abwarten, den Zustandsbericht in angemes- sener Lautstärke vortragen - entwickeln wir die weitere Vorgehensweise. In diesem Beispiel war der Boxsack das Mittel der Wahl. Ca. 10 min später ließ die innere Verfassung eine Klärung der Wut zu.

 

Wünsche:

Schüler:„Kann ich das denn hier einfach so machen?“

-„Was, bitte, machen?“

Schüler: „Na, das hier ab, mit dem Dings da!“

-„Du möchtest mit der Eisensäge, die in dem Schraubstock senkrecht eingespannte Holzlatte der Länge nach absägen? – Schwierig, würde ich sagen, aber versuch es doch mal, aber denk dran, eine Säge ist keine Axt…“

 

                                               Handlungspraktisches berufsorientiertes Lernen:

 

„ Aus dieser alten Tischtennisplatte und dem dazugehörigen Unterteil sollt ihr eine Demonstrationsplatte herstellen, auf der ihr einen zerlegten Computer montiert.“

(Hardware zum Anfassen, als Anschauungsobjekt im Unterricht)

 

Später, nachdem der rechte Winkel und die notwendigen Arbeitsschritte entsprechend umgesetzt wurden, haben wir viel Frustrationstoleranz erlernt, neue Handlungskompetenzen erworben,  Selbstvertrauen gewonnen. Der Erfolg, von einem Mitschüler benannt: „Dass ihr das hinkriegt, hätte ich euch echt nicht zugetraut!“, machte doch stolz.

Die Offene Werkstatt ist ein Raum ohne Lehrplan und Benotung – ein Raum für die Umsetzung von Plänen mit Hand und Kopf und „nebenbei“ geht es auch um einen angemessenen Umgang miteinander, mit eigenem Frusterleben und natürlich um Spaß. Ein Raum für neue Erfahrungen, ein Talentschuppen, eine Schatzsuche und ein lebendiger Ort, an dem sich immer wieder viel Neues und Überraschendes entwickelt. Das Arbeiten in der Offenen Werkstatt bietet manchmal auch die Möglichkeit zu erfahren, dass die Lerninhalte der einzelnen Schulfächer nützlich und notwendig sind, um eigene praktische Projekte umzusetzen; in diesem Sinne ist hier auch eine Quelle für Motivation.

Es macht mir Spaß, dabei zu sein!

 

Till Habermann